Am Freitag abend, den 29. Februar machten sich so um die 30 lustige Austauschstudenten auf den Weg in den kalten Norden. Wir versammelten uns in der grossen Bahnhofshalle im Zentrum. Letzte Einkäufe wurde getätigt für die cirka 14-stündige Zugfahrt nach Boden. Wir waren im Schlafwagen in 6er-Abteilen untergebracht. Wir hatten uns schon ganz gemütlich eingerichtet bis wir in Gävle ankamen, was cirka 170 Kilometer nördlich von Stockholm liegt. Unser Zwischenstopp in Gävle dauerte länger als nach Fahrplan und wir begannen uns zu fragen was denn überhaupt los ist. Bald kam eine Durchsage, die verlauten liess dass in unserem Wagen die Elektrizitätsversorgung ausgefallen sei. Der Zug hätte weiterfahren können, aber ohne Licht und Heizung wäre die Reise bald ziemlich unangenehm geworden.
Darum sassen wir in Gävle fest und mussten den nächsten Nachtzug in 4 bis 5 Stunden abwarten. Die Bahngesellschaft offerierte uns ein Abendessen im nächsten Restaurant mit einem Glas Wein oder einem Bier. Der Wein schmeckte zwar nicht besonders gut, aber wir nahmens gelassen, hatten Freude an der unvorhergesehenen Verpflegung, und liessen die Zeit bei irgendeinem Kartenspiel vergehen. Es hatte sogar noch eine Band im Lokal, welche dann nach einiger Zeit zu spielen begann. Blues oder so.






Der neue Zug war ausgestattet mit 3er-Kabinen und war deutlich luxuriöser. Es gab sogar einen Spiegel mit Waschgelegenheit. Zudem hatte es eine Dusche im Wagon.
Am nächsten Morgen waren wir bereits hoch im Norden und ein Blick nach draussen versprach eisige Kälte. Am Mittag waren wir in Boden, der Car stand bereit und Markus, der Carchauffeur hiess uns alle willkommen.






Nach einem kurzen Stop beim „System Bolaget“ machten wir uns auf zum Polarkreis. Schneeballschlacht war angesagt und die Jungs aus Singapur machten erste Erfahrungen mit dem kalten Weiss.




Die Reise führte uns weiter nach Norden und kamen bald bei einer Samenfamilie an, die uns über ihr Leben, ihre Kleidung und ihre Rentiere zu erzählen wussten. Die Rentierherde umfasste etwa 50 Tiere und wir hatten die Gelegenheit die Rentiere mit Moosflechten und Tannenästen zu füttern. Es war saukalt und wir sammelten uns um ein kleines Feuer wo uns die Familie eine Bouillon mit Rentier-Trockenfleisch offerierte. Die Rentiere sind bei den Samen etwa so wie bei uns die Kühe, nur dass die Rentiere keine Milch liefern sondern Felle, die einem im Winter warm halten. Aus den Fellen werden nicht nur Kleider gefertigt, sondern auch Stiefel, Handschuhe und andere Produkte. Das Fleisch wird natürlich ebenfalls genutzt.



Nach diesem interessanten Aufenthalt stapften wir mit eiskalten Füssen zum Car zurück und fuhren weiter nach Kiruna, wo wir in der dortigen Jugendherberge untergebracht waren. Kiruna ist bekannt für sein Eisenerz und die Mine ist der grosse Arbeitgeber der Region. Der stetige Erzabbau hat alllerdings dazu geführt, dass die Stadt bereits in einigen Jahren einsturzgefährdet sein wird. Es existieren Pläne, die Stadt zu zügeln, was aber ein äusserst schwieriges Unterfangen ist. Insbesondere die Kirche und das Rathaus dürften beim Umzug gröbere Probleme bereiten, was einem schnell einleuchtet.
Am nächsten Tag waren wir früh wieder auf den Beinen und versammelten uns vor dem Touristenbüro zum Schlittenhundfahren. Warme Kleidung wurde uns zur Verfügung gestellt, da es unterwegs ziemlich kalt werden kann. Am Start wurden wir von lautem Hundegebell und stinkendem Kot empfangen.
Puah, es sollte sich dann später noch herausstellen, dass es die Hunde sogar rennend fertig bringen, in den Schnee zu scheissen. Egal, wir waren bereit und freuten uns auf die bevorstehenden 17 Kilometer Schlittenhundfahrt.






Nach der Hälfte des Weges machten wir Halt bei einem kleinen Zelt, wo uns ein wärmender Kaffee offeriert wurde. Gelegenheit also, um seine Gliedmassen wieder auf Körpertemperatur zu bringen. Der zweite Teil der Fahrt ging ziemlich schnell vorüber und wir waren bald wieder am Ausgangspunkt angelangt.


Am Nachmittag besuchten wir die Mine. Geführt wurden wir von einer jungen Dame, die uns kompetent durch den Besucherschacht führte. Die Mine wirft einen Haufen Geld ab, was von der Führerin auch oft genug erwähnt wurde. Nebst dem Bereich über die aktuellen Themen gab es auch eine Ausstellung über die Geschichte der Mine.






Kiruna hat uns allen gefallen, auch wenn das Wetter alles andere als gut war. Und wir vergnügten uns natürlich nicht nur bei den Tagesaktivitäten, sondern hatten auch am Abend unseren Spass.
Am nächsten Morgen fuhren wir zum Eishotel in Jukkasjärvi. Das Hotel wird jedes Jahr neu gebaut und präsentiert sich daher ständig in einem neuen Look. Das Hotel ist ein beliebtes Ziel für Touristen und wer es sich leisten kann sollte die Gelegenheit packen und eine Nacht im angesagtesten Hotel der Region verbringen. Neben dem Hotel steht auch eine kleine Kirche in der jeden Tag etwa 2 Hochzeiten stattfinden. Die Hochzeitsnacht dürfte dann wohl sprichwörtlich auf Eis gelegt sein. Wenn das mal kein schlechtes Omen ist. Nebst der Kirche gibt es auch noch eine Eisbar, in welcher sogar die Gläser aus Eis sind. Eine „Absolut Icebar“ gibt es übrigens auch in Stockholm, London, Tokyo und Kopenhagen. Das Hotel selber ist unterteilt in normale Zimmer und Designer-Zimmer, die alle ein verschiedenes Thema haben. Meist ist das Zimmer einem Land gewidmet, kann aber auch andere Themen haben wie beispielsweise „Schach“.







Unser nächstes Ziel war Abisko, was noch ein Stück weiter nördlicher liegt als Kiruna, nahe an der norwegischen Grenze. Die Sonne begann das erste Mal zu scheinen und liess die Winterlandschaft in einem herrlichen Licht erscheinen. Bei einem der nötigen Stopps, bei welchem Markus das Eis entfernen musste, bot sich uns die Gelegenheit einige Fotos zu schiessen. Der Schnee und die Berge erinnerten mich irgendwie an die Schweiz und doch war alles ganz anders. Es gibt keine Bäume, die Berge sind nicht so hoh, und man begegnet keiner Menschenseele. In Abisko, unserer nächsten Nachtstätte, trafen wir dann doch einige Leute an. Wir machten uns sogleich auf zum Langlauf und waren bald auf der Loipe. Nebst Ueli aus der Schweiz und Holger aus Deutschland waren auch noch zwei Jungs aus Singapur mit von der Partie. Ueli gab Einführungsunterricht, da auch ich noch nie auf Langlaufskis gestanden bin. Immerhin bin ich schonmal Ski gefahren was auf die Singapurer natürlich nicht zutraf. Nach einigen ersten unfreiwilligen Ausflügen ins Gestrüpp fanden sie sich immer besser zurecht.
Es war dann aber doch ziemlich gemein, dass die Loipe alles andere als eben war, sondern immer wieder mit kleinen Hügeln gespickt war. Die Abfahrten versprachen dann jeweils spassig zu werden, auf jeden Fall für Ueli, Holger und mich.








Nach dem Langlaufen gingen wir schnurstraks in die Sauna am See. Bei angenehmen 80 Grad vergassen wir die Kälte und genossen den Augenblick. Für die kurzzeitige Abkühlung sorgte ein Eisloch im See, welches rege genutzt wurde.
Natürlich versprach ein Ausflug nach draussen auch genügend Abkühlung, doch länger als eine Minute hielt man es in der Kälte nicht aus, da einem die Füsse nach kürzester Zeit einzufrieren drohten.


Nach dem Saunabesuch und einem kurzen Nachtessen machten wir uns auf zum Polarlichter gucken. Es war um die -20 °C, und wir zogen uns so warm an wie möglich. Es war eine klare Nacht, und der Sternenhimmel war gigantisch. Wir gingen wieder hinunter zum See und warteten auf das Spektakel. Anfangs war nicht viel zu sehen, doch bald erschien über dem Horizont ein blasses helles Licht, welches zuerst von Strassenlaternen, oder Häusern zu stammen schien. Dann aber bewegte sich die helle Wolke und erstreckte sich bald auch in vertikale Richtung. So schnell wie das Licht gekommen war, verschwand es auch wieder, und als mit der Zeit immer mehr Wolken die Sterne verdeckten machten wir uns auf den Rückweg zur Unterkunft.
Der nächste Tag bestand vorwiegend aus Carfahren. Wir fuhren zurück nach Boden und besuchten kurz vor Boden noch die „Churchtown“ bei Luleå. Anschliessend stiegen wir ein in den Zug, der uns zurück nach Stockholm brachte.





Auf der Rückreise hatte ich einen lustigen Abend mit den Studenten aus Singapur, Indonesien und Malaysia. Wir spielten Karten und ich lernte einige neue Kartenspiele kennen, wie beispielsweise „Bluff“ oder Bridge.
Am nächsten Morgen waren wir um 8 Uhr in Stockholm. Ich fuhr im morgendlichen Pendelverkehr nach Hause, nahm eine kurze Dusche, und war um 10 Uhr bereits wieder in der Vorlesung, als ob nichts passiert wäre…